Lederherstellung in Indien

Lederherstellung in Indien

Konventionell hergestelltes, chromgegerbtes Leder kann zu Umwelt- und Gesundheitsproblemen führen. Den Schuh müssen wir uns anziehen, wenn wir nur günstig, und nicht auch noch gut konsumieren wollen. Damit ein Umdenken in der Branche einsetzt, müssen erst wir umdenken. Mit pflanzlich gegerbten „Bioleder“ gibt es schon eine Alternative, die umwelt- und gesundheitsschonender ist. Wenn wir wissen, wo der Schuh drückt, sollten wir langsam in die Puschen kommen.

Bei der konventionellen Herstellung von 500 Kilogramm Leder fallen bis zu 250 Kilogramm Chemikalien an. Besonders das umwelt- und gesundheitsgefährdende Chrom, mit dem 90 Prozent aller Leder weltweit gegerbt werden, bereitet Probleme. Dabei gibt es mit pflanzlich gegerbtem „Bioleder“ schon eine Alternative.

Im Allgäu steht ein Rind auf einer Wiese und frisst gemächlich Gras. Kirchen- und Kuhglocken läuten um die Wette. Bienen summen selig betäubt in einem Dunst aus Kuhmist- und Blumenduft. Die Stille wird von einem aus der Ferne herannahenden Motorengeräusch unterbrochen. Der Transporter vom Schlachthof wird gleich da sein.

Im indischen Kanpur trottet ein Wasserbüffel von einem LKW Richtung Schlachthaus. Die Luft könnte man in Scheiben schneiden. Der süßliche Duft von Räucherwerk kämpft gegen den fauligen Gestank des Ganges an, an dessen Ufer sich ein Gewimmel aus bunten Saris drängelt, versunken in Gebet und Uferschlamm.

Dem Allgäuer Rind steht wie dem indischen Wasserbüffel eine Wiedergeburt bevor – als Schuh, Handtasche oder Autositz. Nur die Art und Weise der Rückkehr könnte unterschiedlicher nicht sein:
Das Rind kommt aus einer der wenigen Gerbereien, die mit pflanzlichen Stoffen gerben, als atmungsaktives, kompostierbares Leder zurück und erhält damit die Chance, wieder in den Kreislauf des Lebens einzutreten. Der indische Wasserbüffel kommt aus einer konventionellen, Gerberei ohne großartige Umweltauflagen und endet als chromgegerbtes, mit krebserregenden Chemikalien behandeltes Leder, das eigentlich Sondermüll wäre und dem Nirvana so fern bleibt wie der Vegetarier dem T-Bone-Steak.
Lederproduktion hat hohes Umweltverschmutzungspotenzial

Bei der Produktion von 500 Kilogramm Leder fallen bis zu 250 Kilogramm Chemikalien an, so informiert das Umweltbundesamt.1 Die europäischen Umweltauflagen sind relativ streng. Toxische Abwässer werden vorgeklärt und bei Chromgerbung sollte das Schwermetall in einer Rückgewinnungsanlage wieder aufbereitet werden. Doch leiten auch auf diesem Kontinent einige wenige Betriebe laut UBA das Abwasser direkt in Oberflächengewässer.

Auch sind nicht alle Gerbereien in Schwellen- und Entwicklungsländern wie China und Indien, wo über die Hälfte des weltweiten Leders produziert wird, für Umweltkatastrophen verantwortlich. Auch hier gibt es solche, die sich um Umwelt- und Sicherheitsstandards bemühen. Doch bleiben sie in der Minderheit. Von den 220 Gerbereien in Kanpur beispielsweise haben nur 80 Chromrückgewinnungsanlagen.
Chemie zum Enthaaren

Kommen wir zurück zu Rind und Wasserbüffel: Nachdem ihnen das Fell über die Ohren gezogen wurde, wird dieses vom Schlachthof zur jeweiligen Gerberei transportiert. Damit die Haut während des Transports nicht fault, kann es sein, dass die des Büffels auf konventionelle Art in eine abwasserbelastende, gesättigte Salzlösung oder in toxisches PCP getunkt wird. Im Allgäu dagegen packt man die Haut auf Eis.

Um von Fett und Haaren befreit zu werden, bedarf es in Gerbereien keines Schönheitschirurgen, sondern „Weiche“ und „Äscher“. Hierbei können halogenierte organische Verbindungen zum Einsatz kommen. Sie sind stark wassergefährdend und kaum biologisch abbaubar. Eingeleitetes NPE hätte das Potenzial, „Ganga Mata“, also die „Mutter Ganges“, in „Vater Ganges“ umzuwandeln, da es in den Hormonhaushalt eingreift. Das bayerische Bioleder wird mit Tensiden behandelt, die in Kläranlagen zu 99 Prozent abbaubar sind.
Chromgerbung – Die Rechnung folgt auf dem Fuße

Damit beispielsweise dem Bayern nicht irgendwann mal die Lederhosn in Fetzen ums Wadl hängt, muss die Tierhaut vorher gegerbt werden. Gerbstoffe vernetzen Kollagenfasern in der Haut und machen sie so resistent gegen mikrobielle Zerstörung. Schnell, billig und daher beliebt und weit verbreitet ist die Gerbung mit Chrom (III). Diese Art der mineralischen Gerbung wird weltweit zu 90 Prozent eingesetzt.

Chrom (III) verbindet sich in Flüssigkeit mit Sauerstoff zu Chrom (VI), auch Chromat genannt. Ganz nach dem hinduistischen Prinzip von Ursache und Wirkung kann in einem nicht professionell chromgegerbten Schuh Folgendes passieren: Chrom (III) sitzt zwischen den Fasern und lässt kaum Luft an den Fuß. Dieser beginnt zu schwitzen. Der Schweiß kommt mit dem Chrom (III) in Kontakt, das sich nun als Chrom (VI) auf die Haut setzt. Hier bleibt es aber nicht – Wer bleibt schon gerne auf einem stinkenden Käsefuß sitzen? – Das Chromat dringt durch die Haut und entfaltet sein allergenes Potenzial.
Chromallergie und andere Nebenwirkungen

Nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung reagieren allein in Deutschland eine halbe Millionen Menschen empfindlich auf diesen Stoff. Aber auch bei Nicht-Allergikern kann es zu Hautreizungen kommen. Chrom kann Geschwüre verursachen und die sogenannten Chromlöcher hinterlassen – Narben, die von der Hartnäckigkeit des Geschwürs zeugen. Für die Arbeiter der Lederindustrie sind hohe Sicherheitsstandards lebenswichtig, denn das Einatmen von Chromat ist krebserregend.3

Gesundheits- und Ökobilanz chromgegerbten Leders dürfte ebenso ungünstig ausfallen wie das Karma eines als Darmbakterium Wiedergeborenen: Erst muss Chrom unter hohem Energieaufwand gewonnen werden. Gelangen unzureichend geklärte Chromschlämme auf Felder, kommt es zu Ernteausfällen. Chromrückstände sind auch schon im Trinkwasser von Kanpur nachweisbar.4 Fehlgeburten, Leukämie, Durchfälle und Hautausschläge sind die Folgen.

Die Liste schädlicher Stoffe in Lederwaren ist länger als die Geh-Meditation eines Marathon-Mönchs. Von Flammschutzmitteln über Weichmacher bis hin zur Oberflächenbeschichtung hat Öko Test so einiges zu beanstanden.

Pflanzlich gegerbtes „Bioleder“

Nachhaltigkeit ist in der Lederindustrie außerhalb Europas meist ein zähes Thema. Doch es geht auch anders: Noch ist der Begriff „Bioleder“ nicht gesetzlich definiert. Doch gibt es Hersteller, die den Schadstoffeintrag auf ein Minimum reduzieren und auf gesundheitsgefährdenden Stoffe verzichten. Gegerbt wird hier beispielsweise mit Backpulver und pflanzlichen Mitteln wie Tara, Valonea oder Rhabarber. Hinzu kommen schwermetallfreie Farben und der Verzicht auf Konservierungsstoffe und die schädliche Oberflächenbeschichtung, damit das Leder bleibt, was es ist: ein individuelles Naturprodukt, das sich in den Kreislauf des Lebens einfügt.

Quelle: Peopleforthefuture