Slowmo-1Warum kaufen wir uns neue Kleider? Warum folgen wir immer neuen Modetrends?  Welches grundlegende menschliche Bedürfnis steckt hinter den zwölf Kilogramm Textilien, die sich der Deutsche im Jahr durchschnittlich kauft? Und warum gibt es Trends, die gerade mal zwei Monate lang halten, bevor sie wieder von der nächsten  Kollektion abgelöst werden? Vielleicht ist es der Reiz der Veränderung – des Anderen, des Neuen, des Aufregenden. Sich anders zu fühlen, wenn wir uns morgens im Spiegel betrachten. Anders am Küchentisch zu erscheinen. Mit frischem Wind aus dem Haus zu gehen. Kollegen zu überraschen und die Lieben dazu zu bringen, unser Äußeres mal wieder bewusst wahrzunehmen. Wenn es im Kern diese Entwicklung und der Reiz der Veränderung ist, dann können wir uns doch genau um diese Bedürfnisse kümmern.

Car Sharing und Videokonferenzen haben es vorgemacht – grundlegende Bedürfnisse wie Mobilität oder Kommunikation können auf neue, innovative Weise auch ressourcenschonend befriedigt werden. Nur um, mit dem damit verbundenen Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit, von A nach B zu kommen, braucht nicht jeder Einzelne ein Auto. Es ist nicht mehr nötig, in ein Flugzeug zu steigen, nur um jemanden für ein Gespräch zu treffen.

Das Slow Fashion Konzept bringt diese Gedanken in die Modewelt: Nur, um die Lust nach Entwicklung und Veränderung zu spüren, muss man sich nicht alljährlich eine neue Garderobe zulegen. Es gibt auch andere Möglichkeiten. So kann man zum Beispiel die Accessoires an seinem Outfit verändern, es verbessern und perfektionieren, um sich neu und aufregend zu fühlen. Und man kann Teile anders kombinieren, damit andere Menschen einen bewundern. Das Beste daran ist, dass es Spaß macht. Man kann sich kreativ austoben, ein viel individuelleres Outfit kreieren, und seine Garderobe so gestalten, dass sie genau auf einen abgestimmt ist und garantiert kein zweites Mal auf der Welt existiert.

Slow Fashion ist eine neue Kultur mit Kleidung umzugehen. Slow Fashion steht für einen bewussteren Umgang mit Kleidung, man schätzt sie mehr wert und setzt auf Qualität statt Quantität. In Anlehnung an die Slow Food Bewegung ist das Konzept 2006 in Großbritannien entstanden. Es schließt alle Beteiligten im Lebenszyklus der Kleidung mit ein, bringt sie in einen Dialog und baut Beziehungen zwischen ihnen auf. Sowohl Designer, RohstoffproduzentInnen, Weiterverarbeitende, als auch KonsumentInnen nehmen sich bewusst Zeit:

Designer nehmen sich Zeit, um den kompletten Lebenszyklus des Produktes zu durchdenken: Sie erforschen Materialien in Bezug auf ihre Qualität und Langlebigkeit. Sie betrachten sie in Bezug auf ihre Möglichkeiten, sie fair und ökologisch zu produzieren, weiterzuverarbeiten, zu nutzen und zu verwerten. Sie entwerfen zeitlose und multifunktionale Kleidung, die individuell an die Bedürfnisse des Kunden angepasst werden kann. Die Modelle reifen und werden weiter entwickelt. So verändern Designer für eine neue Saison teilweise nur Nuancen an ihren Kollektionen. Ein Slow Fashion Designer ist zum Beispiel Davide Grazioli mit seinem Atelier Awash, den wir im Magazin bereits näher vorgestellt haben.

Die Rohstoffproduktion und Weiterverarbeitung wird entschleunigt:  Langfristigere Verträge geben Sicherheit, Betriebe und Mitarbeiter stehen nicht unter dem extremen Zeitdruck, wie es mit kurzen Modezyklen der Fall ist. Es wird weniger, aber qualitativ höherwertige Ware produziert – so werden Ressourcen geschont. Die Kleidung wird unter fairen und ökologisch vertretbaren Bedingungen mit großer Sorgfalt angefertigt: Oft werden regionale, traditionelle Materialien und Handwerkstechniken herangezogen, die die Kleidung  qualitativ sehr wertvoll  und robust machen.

Neben einem entschleunigten Entstehungsprozess, geht es auch um einen entschleunigten, bewussteren und kreativeren Konsum von Kleidung: Slow Fashion ist von sehr hoher Qualität und entsprechend teurer. So müssen wir uns genau überlegen, ob wir das neue Sommerkleid tatsächlich brauchen oder uns ein Anderes von einer Freundin ausleihen. Wenn uns dieses hier im Laden doch zu gut gefällt, dann haben wir zumindest ein gutes Gewissen wenn wir es kaufen, da es unter guten Bedingungen hergestellt worden ist und lange hält. Dann schätzen wir es besonders, gehen sorgfältig damit um, reparieren es, wenn eine Naht aufgegangen ist und entwickeln es selbst weiter. Teil des Slow Fashion Konzeptes ist es auch, dass in den Geschäften und im Netz ein Dialog zwischen Konsument und Designer stattfindet. Wir entwickeln zusammen Ideen weiter,  wir lernen mehr über unsere Kleidung und werden inspiriert, unseren eigenen Stil weiter zu entwickeln.

So ist Slow Fashion ein Weg, um gemeinsam zu einem neuen Verständnis von Mode zu kommen. Weg von Massenmode und Wegwerfgesellschaft, hin zu mehr Individualismus, Kreativität und Mitgestaltung unserer zweiten Haut

Wer noch tiefer in das Thema einsteigen möchte, findet unter den folgenden Links gute Übersichten über die Werte von Slow Fashion allgemein und auch speziell für KonsumentInnen:

Weitere Beispiele für Labels, die das Slow Fashion Konzept  leben:

 

Die zwei Labels Format und Slowmo stehen auch im aktuellen Trend Talk im Fokus. Autorin: Britta May , Get Changed