connect2Wer in diesen Tagen die Nachrichten anschaut, fragt sich vielleicht, was ist nur los in dieser Welt?
In dem Buch „Connectedness“, das wir Euch in diesem Newsletter auch wärmstens empfehlen möchten, findet sich folgender Auszug von Prof. Dr. Hans-Peter Dürr, der uns in solchen Momenten Mut machen kann!

„Der fallende Baum macht Krach, der Wald wächst lautlos, sagt ein tibetisches Sprichwort, das mir hilft, mein Vertrauen in das Leben und in den kreativen Prozess der Evolution in einer bedrohten Welt zu bewahren. Anstatt immer nur gebannt auf die Schreckensnachrichten unserer Zeit zu blicken und auf die wenigen Menschen, die am meisten Lärm machen, sollten wir unseren Blick öffnen für die unzähligen Menschen in dieser Welt, die Tag für Tag dafür sorgen, dass das Leben weitergeht und weiter besteht. Der Wald wächst leise, aber unaufhaltsam.
… Aus Sicht der Quantenphysik ist die Wirklichkeit kreativ, hat keine Grenzen, ist offen, dynamisch und instabil. Ihre Grundlage ist nicht materiell, sondern geistig. … Wir alle sind dazu aufgerufen, in dieses Feld … Weisheit und Liebe einzuspeisen und damit unseren Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung zu leisten!“

Connectedness

Der neu erschienene Band von Gerald Hüther und Christa Spannbauer versammelt Beiträge arrivierter Exponenten aus der Physik, Philosophie, Ökonomie, Soziologie, Sozialpsychologie, Kommunikationswissenschaft und Biologie, die über die Grenzen der eigenen Disziplin hinaus Gedanken zu einer neuen Weltsicht anbieten. Der Hypothese einer zunehmend individualisierten Gesellschaft stellen sie den Weg zu einem neuen Wir, zu neuen Lösungsräumen für die Herausforderungen der modernen Gesellschaft gegenüber. Betont wird eine neue Ethik der Verbundenheit.

Es werden diejenigen Menschen angesprochen, die die Frage danach, was unsere Welt und uns als menschliche Gemeinschaft zusammenhält, erforschen, alte Denkmuster hinterfragen und das Angebot neuer Lösungsräume annehmen mögen. Direkt gefordert werden alle Akteure in Forschung, Bildung und Erziehung.
Der Sammelband rückt die Notwendigkeit einer neuen Weltsicht ins Zentrum der Betrachtung. Grundlegende Erkenntnis dabei ist, dass die Gesellschaft mit ihren bisherigen Erklärungsmodellen und Problemlösestrategien offensichtlich am Ende ihres Lateins angelangt ist. Gerald Hüther und Christa Spannbauer bezeichnen das als die verblasste Hoffnung, dass die Wissenschaft eine leidlose Welt erzeugt.

Aus der Perspektive unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen wird anschaulich herausgearbeitet, wie selbstgenerierte Probleme kaum durch diejenigen Denksysteme lösbar werden, die die Probleme bereits verursachten. Es wird aus historisch-philosophischer Perspektive beleuchtet, wie der atomistischen Herangehensweise, die in der Wissenschaft während der letzten Jahrhunderte zunehmend praktiziert und gefestigt wurde, der Blick für das Wesentliche abhanden gekommen ist: nämlich derjenige auf die Prozesshaftigkeit allen Bestehendens und auf das Verbundene, das die naturgemässe Lebendigkeit der Welt konstituiert. Dabei merkt Hüther an, dass das wichtigste Merkmal alles Lebendigen seine Fähigkeit zur Selbstorganisation sei. Beziehung und Kommunikation werden zu Determinanten der Autopoiese.

Exemplarisch lässt sich die Essenz von Connectedness gut am Beitrag des Nobelpreisträgers und Quantenphysikers Hans-Peter Dürr veranschaulichen. Dürr legt dar, dass alle Atome des Universums im Hintergrund miteinander verbunden sind und spricht in der Folge von der Illusion der Trennung, derer die Physik bis Anfang des 20. Jahrhunderts erlag. Die Erkenntnis, die unser aktuelles menschliches (Selbst-)verständnis dabei wohl am meisten erschüttere, sei der Abschied von der Vorstellung von Materie hin zu derjenigen der Kommunikation. Das Verständnis der Wirklichkeit als «nicht-auftrennbares immaterielles Beziehungsgefüge … eine Art Erwartungsfeld für zukünftige mögliche energetisch-materielle Manifestationen» wird als das sich langsam herauskristallisierende wissenschaftliche (holistische) Weltbild bezeichnet – Wirklichkeit folglich nicht als Realität, sondern Potentialität. Entsprechend betont Dürr den Stellenwert, in die Beziehungen zu investieren, da wir alle durch unser Wirken über diese Mitschöpfer des Ganzen, der Welt werden. So fordert er, alles daran zu setzen, dass jeder Mensch sich angemessen entfalten, seine Potentiale zur Blüte bringen kann, um diese Energie in das gemeinsame Netzwerk aller Wesen einzuspeisen.

Diese exemplarische Darlegung liesse sich durch die anderern Beiträge im Band ersetzen, kommen sie im Kern doch zum gleichen Schluss. Katharina Ceming bietet eine Betrachtung auf der Grundlage der Griechischen Philosophie der Antike, des Christentums und des Buddhismus, an. Karl-Heinz Brodbeck argumentiert die Grundzüge einer kritischen Wirtschaftsethik, die er anhand buddhistischer Erkenntnisse diskutiert. Er führt die «Raserei des Wachstums» auf die Geldgier der am Markt Beteiligten zurück und nennt es eine «auf einem endlichen Planeten … tödliche Sackgasse». Harald Welzer fokussiert auf die Termini Soziales Gehirn, Soziales Gedächtnis, menschliches Denken und Co-Evolutionsprozesse des Menschen und seiner Umwelt; er kommt zum Schluss, dass Menschen erst zu verstehen sind, wenn sie nicht als Individuen, sondern als Schnittstellen in einem sozialen Netzwerk konzipiert werden. Barbara von Meibom wirft ein Schlaglicht auf die technische Entwicklung der Kommunikation und arbeitet Chancen dieser und mit ihr einhergehende potentielle Schäden heraus. Im Zentrum ihrer Folgerungen steht die zwingende Notwendigkeit einer wertschätzenden Haltung. Weiterführend stellt sie eine Reihe von anschaulichen Lernsätzen zu Verfügung. Gerald Hüther zollt nebst seiner Herausgeberschaft mit Christa Spannbaur ebenfalls einen Essay bei. Darin stellt er Gedanken zum notwendigen Paradigmenwechsel in den Life Sciences an und illustriert seine Überlegungen mit konkreten Beispielen.

 

Der vordergründig schmale Sammelband beherbergt viel Tiefgang und lädt zur Auseinandersetzung nicht bloss ein, sondern fordert diese. Dies tun die einzelnen Beiträge, indem sie die Leser/innen so sorgfältig wie schonungslos in die Verantwortung ziehen mit zu denken. Die Forderung ist dahingehend, die gewohnten Denkmuster zu durchbrechen, die etablierten Kanäle als Inhibitoren und damit Entwicklung hindernde zu betrachten und dem «Jungen» den Weg freizuräumen und von diesem zu lernen. Erhellend dabei ist, dass die diesbezüglichen grundlegenden Erkenntnisse vor über 2‘500 Jahren bereits dokumentiert wurden – das in Ost und West. Die Leser/innen werden bei der Lektüre zunehmend damit konfrontiert, das Verständnis der Welt als Scheibe, von der runtergefallen werden kann, hin zur Kugel, die immer verbunden ist, komplett revidieren zu müssen. Das mag als enorme Anpassungsleistung nahezu unlösbar erscheinen, wird aber in mehreren Beiträgen gleich gangbar gemacht. Besonders anschaulich ist die Feststellung Welzers, «jedes Kind [ist] immer schon Teil eines Beziehungsgefüges …, bevor es zu einem ‹Individuum› wird». Das ist im Wesentlichen nichts anderes, als komplette Connectedness – Good News, der Zustand ist uns also bekannt und irgendwo im Hirn gespeichert. «Was immer schon da ist …», so Welzer, «… muss nicht … künstlich [und] … mühevoll erzeugt werden, [es] genügt, mit der Zerstörung der Beziehungen aufzuhören».

Ein weiteres Schlaglicht verdient der Beitrag von Karl-Heinz Brodbeck insofern, als er einen der aktuell die Gesellschaft prägendsten Mechanismus harsch in Frage stellt – die (neoliberale) Markwirtschaft, das gängige ökonomische Verständnis. Er zeigt auf, wie dieses in der descartschen Weltanschauung verhaftet bleibt und ad absurdum führt. Die Abstraktion des Geldes, das mitunter nur durch unseren Glauben daran überhaupt Wert erlangt, hat mittlerweile das Individuum an sich erfasst und uns alle rechenbar gemacht. Brodbeck beleuchtet präzis die Problematik der Geldgier, deren extrinsischen Charakter und die Konsequenzen, die sich aus ihr ergeben. Er illustriert dies an der Sachlage, dass eine superreiche Minderheit zur Vermehrung ihres Vermögens Lebensmittel, die einer deutlichen Mehrheit fehlen, zu Spekuationsobjekten macht. Ebenfalls bringt er die Thematik Konkurrenz und Wettbewerb, die in der Mehrzahl der Beiträge aufgenommen wurde, ein. Trotz unterschiedlichen Zugangs ist allen Beiträgen die Einsicht gemein, dass Konkurrenz und Wettbewerb längerfristig unzureichend sind. Sie dienen zwar wirkungsvoll der optimalen Spezialisierung und erzeugen so wirtschaftliche Produktivität, erlauben aber keine grundlegende Innovation und damit keinen grundlegenden Wandel, dem wir uns angesichts der geschilderten Ausganglage stellen müssen.
Worum es in Connectedness geht, formuliert wohl Barbara von Meibom am prägnantesten, dies im ersten Satz ihres Essays Vom Ich zum Du zum Wir: «Wir sind Einheit, Verschiedenheit, Einzigartigkeit», dem fügt sie an, dass unser Wissen darum noch wenig entwickelt sei; «wir stehen vor der Wende, uns der Wahrheit zu stellen, dass wir alle mit allem verbunden sind». Gerald Hüther folgert im Anschluss, «wenn wir die Tendenz aller Teile, in Resonanz zu treten, als ein universelles Prinzip anerkennen, dann ist Liebe Ausdruck und Ziel dieses Prinzips und Kooperation, Empathie, Mitgefühl und Verbundenheit seine essenziellen Bestandteile». In vielerlei Hinsicht ist die vollständige Lektüre von Connectedness ein Muss, um sich dem sich wandelnden Verständnis in der Wissenschaft stellen. Aber erst in der inneren Resonanz wird die eigentliche Bedeutung des Beitrags dieses Bandes erst richtig erfasst.