Im September vergangenen Jahres beschloss ich den Weihnachtsfeiertagen zu entfliehen. Small Talk unterm Tannenbaum je nach Einladung mit mehr oder sehr viel Alkohol und einer Überdosis Plätzchen und Braten war nicht der Rahmen den meine Seele und Körper sich wünschten (oder besser gesagt, dringend nötig hatten). Ich wollte während der Feiertage innehalten, auftanken, klar werden und Kräfte sammeln.  Die Herbstwochen überstand ich mit leichtem Herzen denn die Vorfreude auf eine sonnige Auszeit zwischen den Jahren  wurde in der Vorweihnachtszeit zu meinem ständiger Begleiter.

Anreise

Gelöst stieg ich dann in den Flieger, endlich. Die Reise verlief wunderbar und meine Agentur hatte mir einen vertrauensvollen Fahrer zugedacht. Wir nahmen vom Flughafen nach Durchfahrt der Hauptstadt Colombo die niegel nagel neue Autobahn, die zu meinem Erstaunen total leer war. Ich lehnte mich auf dem Rücksitz zurück und genoss den Ausblick auf die grüne Vegetation die unsere einsame Fahrt zur Einstimmung sanft wogend begleitete. Sicher  am Zielort Beruwela, an der Westküste von Sri Lanka angelangt, bekam ich den besten Welcome Drink allerzeiten serviert. Hocharomatisch, alkoholfrei und wohltuend. Von den anderen Gästen, deren aufgelösten Zustand nach der Anreise ich gar nicht nachvollziehen konnte, hörte ich spannende Berichte über fortwährende Kamikaziemanöver ihres barfüßigen Fahrers während des Transports. Aha.  Die sich an der Küste entlang schlängelnde Landstraße wird von den meisten Fahrern weiterhin bevorzugt, trotz der vor kurzem fertig gestellten schönen neuen  Autobahn. Die Landstraßenroute kostet Nerven und dauert locker doppelt so lange. Und das alles weil die Fahrer Maud sparen wollen. Der heiße Ritt  war für die anderen Gäste alles andere als eine angenehme Einstimmung auf den Urlaub. Glück gehabt!

Maha Gedara

Das Hotel mit seiner direkten Strandlage ist wunderbar. In 2011 neu eröffnet, nach der Verwüstung des Tsunamie aus 2004. Ich genoss den Komfort eines geschmackvoll möblierten und schönen Zimmers mit Seeblick, und das ganze zwei Wochen lang. Die Anlage ist sehr gepflegt und großzügig angelegt. Jeder Winkel bietet Ausblicke ins grüne oder auf das Meer. Die Atmosphäre im Hotel und unter den Gästen ist allgemein entspannt. Jeder kommt für sich zur ersehnten Ruhe. Klug ist es, sich während des Aufenthalts nicht einem Grüppchen zu 100 % anzuschließen. Die Kur in Ihrer individuellen Wirkung, birgt so viele wertvolle Erfahrungen die  an Qualität verlieren können, wenn man seine Stimmungen mit anderen zu eng teilt.

Anwendungen & ärztliche Betreuung

Einen geschützten Raum bieten die Ärzte und Masseure. Unser seelisches und körperliches Befinden wird von diesem Team aufmerksam verwaltet und gepflegt. Soviel Ernsthaftigkeit und Professionalität hatte ich nicht erwartet. Der Anwendungsplan wurde täglich neu geschrieben und lag allabendlich vor. So konnte man seinen Tag gut gestalten. Änderungswünsche wurden immer lächelnd angenommen. Die herzliche Einladung loslassen zu dürfen und sich beschützt zu fühlen, konnte ich annehmen. Mit der erlaubten Hingabe genoss ich das Verwöhnprogramm  in vollen Zügen. Synchronmassagen standen an der Tagesordnung, ebenso Gesichts-, Fuß- und Kopfmassage. Regelmäßig fand eine kurze Konsultation bei den Ärztinnen statt. Beruhigend war auch, dass mir immer das selbe Team zur Verfügung stand. Nähe entstand und gelöstes freudiges Miteinander.

Kleidung

Eine Freundin wies mich vor meinem Urlaub fachkundig an, nur ganz wenige und nur alte Kleidung mitzunehmen. Ich würde während der Kur überwiegend in schwerem rotbraunem warmem Sesamöl eingelegt und mariniert werden. Wahrscheinlich war meine Freundin zur Ayurvedakur in Indien. Dort wird bei der traditionellen Kur tatsächlich viel mehr Öl bei den Behandlungen verwendet, welches sich nicht so leicht abreiben lässt. Ich habe ihren Rat zum Glück nur fast befolgt. Allerdings waren wir alle tagsüber in unseren leichten Bademänteln unterwegs und saßen auch in diese gewickelt meistens beim Frühstück und Mittag zusammen. Ansonsten trug ich meine Sommergarderobe, weiß und farbenfroh ohne dieser auf ewig Adieu sagen zu müssen und dazu meistens gute Laune.

Ein allein reisender Franzose attestierte mir dann auch unaufgefordert während meines Aufenthaltes, dass ich Eitel sei. Hm, ich bin aber auch nicht seiner sehr direkten Einladung auf eine Flasche Champagner auf sein Zimmer gefolgt. Fand er nun meine Klamotten oder mich aufregend? Schuhfetischist kann er nicht gewesen sein bei den flachen Latschen. Oder war er am Ende Fußfetischist?

Ayurvedisches Buffet

Ich glaube in dem Hotel meiner Wahl wurde täglich das beste und umfangreichste Buffet auf der gesamten Insel offeriert. Morgens, köstliche frisch gepresste Säfte aus einheimischen Früchten der Saison und alles gesunde was das Herz begehrt. Mittags ein abwechslungsreiches Salatbüffet und natürlich verbreiteten die warmen verschiedenen Curries ihre aromatischen Düfte. Bei jeder Speise hing eine kleine Erklärung, welche  Wirkung die Zutaten in unserem Körper entfalten und für welchen Typ sich die Speisen besonders eignen. Der größte Lacher war für mich der simple und für jedermann verständliche Hinweis „gain Weight“, or „lose Weight“. „Gain Weight“ stand natürlich bei den Süßspeisen und schlanke, eher kraftlose Gäste sollten  davon auch reichlich genießen. Gäste die diese Wirkung meiden sollten, schlugen trotzdem zu. Meine eigene innere Reaktion war jedes Mal erheiternd, als ich vor dem süßen Stoppschild stand, das schlechte Gewissen regte sich. Na ja, im Maß halten liegt die Kunst. Abends wurde auch wieder liebevoll und abwechslungsreich aufgetischt. Gäste scherzten und schwatzen mit den Köchen die gerne Auskunft gaben über die Herkunft der biologischen Zutaten und Rezepte. Die Köche waren happy wenn ich mit Hms und Ohms meinen Teller füllte. Einige Rezepte habe ich mir aufgeschrieben und mit Gewürzen wie, Koriander, Curryblätter, Curry, Curcuma und weiteren indischen Klassikern peppe ich nun fast täglich meine Gerichte auf.

Die Anderen

Meistens fanden die Neuankömmlinge zusammen und so geht das wohl durch die ganze Saison. Macht ja auch Sinn. Die Sitzplätze zum Essen wurden von allen Gästen frei gewählt und es bildeten sich natürlich rasch Grüppchen. „Monsieur le Francais“ wurde mit der Zeit auch entspannter und wählte die Gesellschaft der Holländerinnen. Ob er die auch zum Champagner einlud?

Die „eingeschwungenen Häsinnen und Hasen“ waren an den täglichen Behandlungsfahrplan, Einnahme von Guggulus (individuell abgestimmte Kräuterkügelchen) und klassische Ausflugsziele bereits gewöhnt und auch an das zeitweise erforderliche kopftuchtragen. Ein Miturlauberin die regelmäßig nach Sri Lanka reiste, meinte ,wir seien für die Einheimischen schlicht weg „Walking Money“. Aber wie immer im Leben entstehen Begegnungen aus Resonanz. Ich habe während meines Aufenthalts das ganze Hotelpersonal ins Herz geschlossen. Insbesondere unsere Ärzte, Yogalehrer, und Therapeuten.

Stirnguss

Die Kopftuchträger im Hotel genossen einen besonders sanften Umgang. Das Kopftuch trug man während des Shirodhara,  dem Höhepunkt der Kur. Shirodhara bedeutet Öl- Stirnguss. Das Ritual dauert 3 Tage und fördert die geistige und seelische Reinigung.

Das warme  Sesamöl, das täglicher Bestandteil bei allen Heilanwendungen ist, ergießt sich während der Sitzung langsam und stetig auf  und über der Stirn. Die zuständigen Ärzte bereiten einen liebevoll auf dieses Ereignis vor. Intensives Träumen, Trauer, Kreativität,  Gefühlsregungen aller Art dürfen wir während dieser Phase willkommen heißen und erleben. Niemand während der Kur blieb von dieser Erfahrung unberührt.

Magischer weise hat die Anwendung des warmen Öls über die gesamte Kur tatsächlich einen reinigenden und stärkenden Einfluss. Der Stirnguss bringt Gedanken und Gefühle in Fluss, auf meditative Weise.

Beruwela Beach

Meine Illusion über ein intaktes und unberührtes Fleckchen Erde ernüchterte schnell. Die örtliche Herbal Pharmazie enttäuschte mit ihren überteuerten Angeboten. Die Kräutercremes, deren angepriesenen natürliche Inhaltsstoffe in homöopathischen Dosen überwiegend mit Glyzerin und Mineralöl vermischt wurden, sollten die Taschen der Händler füllen. Bei den morgendlichen Strandspaziergängen wurde ich an einigen Abschnitten  zum Müllsammler. Plastic Ocean! Tja, auch hier blieb der Rand des Paradieses nicht unverschont. Im Gegenteil, der Ausflug mit dem Boot in die umliegenden Mangroven bot einen  deprimierenden Anblick. Prächtige endemische Tierarten bewegten sich durch ihren von Plastikmüll durchsetzten Lebensraum.

Es tröstete mich kaum, dass unser Bootsfahrer auf die Namensgebung der Boote hinwies die Karl, Traudel oder Michael hießen. Hilfsbereite Touristen hatten nach dem Tsunamie Geld gespendet um den geschädigten Menschen bei dem Aufbau Ihres Lebens danach zu helfen.

Panchakarma Kur

Also konzentrierte ich mich auf mein Refugium mit dem gepflegten und großzügigen Garten in dem die Welt in Ordnung schien und es gut mit mir meinte. Die täglichen Anwendungen zeigten Wirkung und der innere Prozess begann. Die Panchakarma Kur ist eine ganzheitliche Entschlackung. Durch die  täglichen Anwendung und Massagen und die Einnahme der typgerechten Kräutermischungen kann unser Körper regenerieren. Eine „geistige Entschlackung“ (belastende Erfahrungen, unverarbeitete Konflikte und  schädliche Verhaltensmuster lösend) ist ebenfalls Bestandteil der Kur.

Abschied

Ich denke jeder Hotelgast kam mit dem von Armut geprägten Umfeld außerhalb der Anlage in Berührung. Das Hotel hatte eine faire Lösung für das gesamte Personal gefunden. In einem Geschenkbuch konnte jeder Gast am Ende seiner Reise einen gesamten Tippbetrag einzahlen, der dann ALLEN Hotelangestellten gleichermaßen zugutekommt. Das war schon mal eine beruhigende Lösung. Natürlich bedankte ich mich großzügig und die meisten anderen Gäste persönlich bei dem Personal das uns vertraut war. Das geben und nehmen war aber mehr als die Scheine die unsere Hände wechselten. Jeder der sich darauf einließ erkannte den Wert dazwischen.

Ich weinte beim Abschied still und leise während der letzten Anwendung. Meine lieb gewonnene  Therapeutin weinte auch still und leise, was soll ich sagen.  Sie ist mit einem Fischermann verheiratet und erwartet ihr zweites Kind. Durch den guten Job im Spa kann sie ihre Kinder zur Schule schicken, auch wenn ihr Mann in dem überfischten Küstenstrich fast keine Fischer mehr fängt. Sie meinte aber, frischer Fisch sei so gut. Ja, wenn er denn nicht so Schwermetall belastet wäre. Ich vermute aufgrund der Einkommenssituation wird Sie irgendwann die Herrin im Hause sein. Obwohl auf Sri Lanka mit 1,5% die niedrigste Scheidungsrate weltweit erhoben wurde, ist dort auch weltweit die  höchste prozentuale Selbstmordrate weltweit unter Frauen erfasst.

Mein gebildeter Fahrer, der fairer weise für die Rückfahrt wieder die  neue und auch bei Nacht gespenstisch leere Autobahn genommen hatte, diskutierte das Thema mit mir auf der Rückfahrt morgens um fünf zum Flughafen. Er meinte eine Frau in seinem Land müsste Glück haben und den richtigen Mann heiraten der es gut mit der Frau meint und das betrifft das ganze Netzwerk der Familie. Er meinte auch dass sich Väter und Mütter um ihre Rente keine Sorgen machen müssten, denn die Kinder sorgen für die Alten. Die Familien sorgen generationenübergreifend für einander. Es funktioniert dort so, wenn es gut läuft. Das Modell könnte bei uns doch auch wieder mehr gelebt werden.

Ayurveda verändert die  Lebenseinstellung. Ich wurde bewusster und offener und natürlich fühlte ich mich nach der Kur wie neu. Mann sagt, die Kur hält einen bis zu einem Jahr fit. Wichtig ist, ein gutes Zentrum zu finden. Ich hatte Glück und habe mich bei der Wahl von meiner Intuition leiten lassen und wurde nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil. Die Kur  hat einen immensen Heilungsprozess bei mir in Bewegung gebracht. Ich muss unbedingt wieder hin. Ist ja kein Geheimnis, ich habe meinen Urlaub im Maha Gedara Beruwela verbracht.

Maha Gedara Ayurveda Hotel Sri Lanka