Tafelzeichnung Rudolf Steiners zum Vortrag vom 11.02.1923

Grundelement der Anthroposophischen Medizin ist die persönliche Arzt-Patienten-Begegnung, aus der das Vertrauen entstehen kann, um die verschiedenen Ebenen der menschlichen Existenz umfassend in einer individuellen Diagnose erfassen und in die Therapie einbeziehen zu können.

Die Anthroposophische Medizin erkennt die naturwissenschaftliche Medizin zur Erfassung der körperlichen, physischen Ebene des Organismus grund-sätzlich an und bezieht den gesamten Bereich moderner Labordiagnostik und apparativer Untersuchungstechniken mit ein.
Sie erweitert darüber hinaus ihre Untersuchungen auf die höhere Ebene der Lebens-Organisation, durch die die physischen Stoffe und Prozesse des Körpers zu einem lebensfähigen Organismus zusammengefügt werden. Ihre Wirkung äußert sich in der Gesamtheit der sich primär selbst regulierenden physiologischen Vorgänge (u.a. Stoffwechsel, Wachstum, Regeneration ) und bildet die Grundlage für die Entwicklung von Gesundheit. In Bezug auf diese Ebene steht die Anthroposophische Medizin in enger Beziehung zu einigen traditionellen medizinischen Konzepten, z.B. klassischen Verfahren der Naturheilkunde, der Homöopathie u.a., indem sie mit dem Organismus als Träger der Selbstheilungskräfte umgeht.
Im Sinne der Anthroposophischen Medizin kommt durch die Erlebnisfähigkeit des menschlichen Organismus eine weitere, eine „seelische“ Ebene in Betracht, die sich in den letzten Jahrzehnten als Psychosomatische Medizin oder Anthropologische Medizin etabliert hat. Die „persönliche“ Seite des Patienten, sein Krankheitserleben, Befindlichkeit, Selbstbild, Ängste und Hoffnungen – die Gesamtheit seines aktuellen und vergangenen Innenlebens – hat Bedeutung bei der Entstehung von Krankheit ebenso wie im therapeutischen Prozess.
Darüber hinaus kommt beim Menschen über sein Selbstbewusstsein eine vierte, individuelle Ebene seiner Existenz zum Tragen, die sich in seiner Intentionalität, seiner Erkenntnisfähigkeit, seiner Entwicklungspotenz in seiner Biographie als Lebenswerk äußert. Die Unantastbarkeit der Würde des Menschen, seine Autonomie, die Möglichkeit aus seinem Leben selber etwas zu machen, befähigt ihn, nicht nur Bestandteil der Natur zu sein, sondern sich zum Kulturschaffenden zu entwickeln.

Diese vier Organisationsebenen (Körper, Leben, Seele, Geist), die sich aus der Menschenkunde der Anthroposophie ergeben, sind bei einer ärztlichen Diagnostik und Therapie im Sinne der Anthropo-
sophischen Medizin bei jedem Patienten in ihrer unterschiedlichen Bedeutung zu erfassen. Im Hinblick auf die gegenwärtig anerkannten Disziplinen der Medizin kann man ein Verständnis für das Anliegen der Anthroposophischen Medizin bekommen, wenn man erkennt, dass sie ein spirituell erweitertes Konzept für die Humanmedizin darstellt, indem sie verschiedene Bereiche der Medizin (z.B. Naturwissenschaftliche Medizin, Naturheilkunde, Psychosomatische Medizin) im Zusammenhang anwendet, um zu einem individuellen Patienten- und Krankheitsbild zu kommen. Sie versteht sich somit als eine bestimmte Form der „Ganzheitsmedizin“, die allerdings notwendig auf einer rationalen Differenzierung der menschlichen Organisation im obigen Sinne beruht. Durch die Entwicklung geisteswissenschaftlicher Forschungs-methoden ist sie aber darüber hinaus mehr als nur eine Aneinanderreihung schon bestehender medizinischer Teilaspekte.

Zur Entwicklung und Erhaltung von Gesundheit wirken die Organisations-
ebenen des Menschen je nach Alter mit unterschiedlicher Dominanz in einem lebendigen Gefüge zusammen und durchdringen sich. Krankheit entsteht, wenn dieses Zusammenwirken gestört wird und sich eine Unausgewogenheit ausbildet, die der Körper aus eigenen Regulationskräften nicht auffangen kann. Krankheit im Sinne der Anthroposophischen Medizin ist insofern keine willkürliche Störung eines physiologischen Geschehens, sondern sinn- und bildhaftes Geschehen im psychophysischen Kontext, das der Arzt nicht (nur) zu beseitigen hat, sondern dessen Entstehungsbedingungen er zusammen mit dem Patienten untersuchen muss, um gemeinsam individuelle therapeu-tische Perspektiven entwickeln zu können. Der Patient ist dadurch nicht Objekt medizinischer Maßnahmen, sondern wird mitverantwortliches, mitentscheidendes Subjekt.
Diese Grundeinstellung bringt es mit sich, die ärztliche Aufmerksamkeit nicht nur im Sinne einer Patho-Genetik auf das Aufspüren fixierter Defizite zu richten, sondern auf die menschliche Fähigkeit des Lernens, dessen Bedeutung z.B. für die Entwicklung des Immunsystems (Umgang mit Infektionen, Autoagressionskrankheiten, Tumorimmunologie) langsam immer deutlicher wird. Der Mensch ist ein offenes „System“, dessen Ressourcen voll nur entwickelt werden können, wenn er als Patient sich als Lernender und nicht nur als Leistungsempfänger der Medizin versteht.

Quelle: GAED