Am Fuße des Kaiserstuhls, in Eichstätten bei Freiburg im Breisgau hat die Regionalwert AG ihren Sitz. Der Bauernhof war  seit Generationen Bestimmung, Zuhause  und Lebensinhalt  der Familie Hiß. Seit 55 Jahren und bis heute wird der Hof biodynamisch bewirtschaftet. Im Jahr 2000 wollte Christian Hiß seinen Hof erweitern  und benötigte dazu finanzielle Unterstützung.  Die Bankberater, die er aufsuchte, schauten mitleidig über den Konferenztisch. Mit stummen Kopfschütteln und ironischer Miene schoben sie seinen Businessplan beiseite. Kleine Höfe standen nicht auf der Liste förderungswürdiger Projekte. Kein Geld für einen Hof – bedeutete keine Zukunft! Christian Hiß erinnert sich, damals und bis heute sterben in Deutschland tausende Höfe jedes Jahr, die dem Preisdruck des Handels nicht gewachsen sind. Quantität statt Qualität. Lebensmittel sollen immer billiger werden, die Margen für den Handel umso größer. Hochleistungsbetriebe setzten auf Monokulturen, Obst- und Gemüsesorten verschwinden, Böden werrden ausgelaugt, Pestizide und Chemikalien trimmten den Ertrag und belasten unsere Umwelt.

Stärke durch Wut?!

Natürlich wollte der junge Christian Hiß nicht gleich in die Fußstapfen seines Vaters treten und den Hof übernehmen, obwohl sein Vater 1955 einen der ersten Biobauernhöfe Deutschlands gründete. Hiß lernte zuerts Gärtnerei, holte dann das Abitur nach, lebte als Biogärtner, gründete seinen eigenen Biohof und eine Familie. Das frustrierende Erlebnis mit den Banken die er vergeblich aufsuchte, ließ ihn nicht ruhen. Aufgeben kam nicht in Frage. Ein Fernstudium über Social Banking und Social Finance wurde absolviert, und so wurde Hiß langsam Herr der Lage und verschaffte sich einen Überblick.  „Wie kann es sein, dass wir Bauern etwas so lebenswichtiges wie tägliche Nahrung produzieren und von allen für blöd gehalten und ausgelacht werden“?

Hiß ließ seine Erkenntniss und Sichtweise  in eine Gesellschaft münden und teilte die Vision mit den Bürgern der Region. Die beteiligten sich vertrauensvoll an dem Geschäftsmodell und wurden Aktionäre, der Regionalwert AG. Mit diesem Kapital  werden regionale Biolandwirte, Biohändler, Bioverarbeiter und auch Existenzgründer gefördert. Sie bekommen neben der existenzgründenden Kapitalausstattung auch Unterstützung in betriebswirtschaftlichen Fragen und bilden zusammen ein Netzwerk. Die AG beteiligt sich von Projekt zu Projekt unterschiedlich, als stiller Teilhaber, als Minderheits- oder Mehrheitsgesellschafter. Arbeiten Unternehmen profitabel, fließen Gewinnanteile zurück, sind Projekte es nicht, verlieren die Aktionäre Geld.

Erfolg durch Geduld und mit der Natur

Damit ein Projekt als förderungswürdig bewertet wird, prüfen, besichtigen Vorstand und Aufsichtsrat den Betrieb. Dann entscheidet sich das Gremium, in dem Biologen, Banker und Anwälte und ein Kreisvorsitzender des Bauernverbands sitzen, für oder gegen einen Kredit. Ein gutes Beispiel ist das Obstgut Siegel. Joel Siegel ist 32 Jahre, Franzose und Bio-Obstbauer. Gutes Obst ist seine Leidenschaft. Nach jahrelanger Suche nach einem geeigneten Standort fand er das richtige Gut, aber  keine Bank bewilligte einen Kredit. Maschinen, Saftpresse, Apfelkisten, Hagelschutz, alles was man für den teuren Start eines Obstbauernhofs braucht, konnte er allein nicht finanzieren. Hätte Joel nicht den Kontakt zur Regionalwert AG aufgenommen, sein Projekt wäre gestorben.  Das Obst von Siegel ist heute so beliebt in der Region, dass der Ertrag kaum die Nachfrage deckt. Das Gute ist, dass naturgemäß produziert werden kann. Dazu braucht es Geduld, Fachwissen und einen harmonischen Umgang mit der Natur.

Diese Philosophie vermittelt Hiß auch potenziellen Aktionären. Bis sich eine Investition rein finanziell rechnet, bedarf es Geduld, mindestens ein paar Jahre. Die nichtmaterielle Dividende  fließt von Anfang an. Ländliche und dörfliche Strukturen erfahren Stärkung, Arbeitsplätze werden geschaffen, ökologische Nahrungsquellen werden erhalten und gefördert.

Social Entrepreneur des Jahres 2011

Die Regionalwert AG ist derzeit in 15 Projekten investiert. Das Grundkapital beträgt ca. 2.000.000 Euro. Im Dezember 2011 zeichnet die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel Christian Rieß als  „Social Entrepreneur des Jahres“ aus. Unter siebzig Bewerbern wird er für sein zukunftsweisendes Geschäftsmodell gekürt. Der Preis wird jährlich von der Schwab Stiftung, der Boston Consulting Group und der Financial Times Deutschland an herausragende Unternehmerpersönlichkeiten vergeben. Voraussetzung für eine Auszeichnung: Die Organisationen verfolgen in ihrer Arbeit innovative Ansätze zur Lösung von gesellschaftlichen oder ökologischen Problemen und setzen dabei auf ökonomische Konzepte.

Christian Hiß hält ein Stipendium von Ashoka, einer Organisation, die den Start von Sozialunternehmern fördert. Damit kann er drei Jahre Vollzeit für die AG arbeiten, ohne Geld zu kosten. Sein  Konzept  soll in weiteren Bundesländern Nachahmer finden. Dafür hat die Regionalwert AG eine Dachorganisation gegründet, deren Ziel es ist, das Konzept weiter zu tragen. Zur Entspannung vom hektischen Alltag liest Christian Hiß Aristoteles und Platon. Wie war das mit dem Höhlengleichnis? Der Andersdenke wird am Anfang nicht ernstgenommen. Diese Hürde hat Hiß ja nun erfolgreich genommen.